Das größte Geheimnis Chinas: 汉字

Nachfolgend zitiere ich Jörg-M. Rudolph, mein ehemaliger Dozent am Ostasieninstitut und Herausgeber und Autor des Xiucai, aus dem Vorwort zu seiner Schrift ‘Das größte Geheimnis Chinas: 汉字’. 汉字 sind die chinesischen Schriftzeichen.

“Tatsächlich umgibt das Land bis heute eine Mauer, die es effektiver verbirgt als die steinerne es jemals vermochte: die chinesische Schrift. Sie und die ihr zugrundeliegende Sprache sind den Europäern seit Jahrhunderten die Verkörperung des Unverständlichen schlechthin – Chinesisch eben oder schlimmer: Parteichinesisch.

Tausende von Schriftzeichen bilden für alle Ausländer … einen vielschichtigen, dicken, undurchdringlichen Vorhang. Sie sind der Ursprung aller chinesischer Kultur, aller chinesischen Verhaltensweisen, allen chinesischen Denkens. Die Schriftzeichen versperren uns jeden wirklichen Zugang zu diesem Land. Sie machen uns zu ewigen Außenseitern, die immer nur auf der Oberfläche der Erscheinungen ziellos umherschwimmen. Sie stürzen uns so sehr in Verwirrung, da wir unversehens unsere eigene kulturelle Handlungsbasis beim Betreten Chinas verlassen. Ohne eine neue zu haben setzt Verunsicherung ein. Vorstandsvorsitzende von Milliarden-Konzernen stehen vor ihren chinesischen Habenichts-Gesprächspartnern, meist Leiter technisch bankrotter Staatsfirmen, und überreichen linkisch ihre Visitenkarte – mit beiden Händen. Warum? Weil sie sich in einer fremden, unbekannten Welt bewegen, die ihnen keine Vergleichsmöglichkeiten läßt. So nehmen sie dann den vielfältigen Schein Chinas rasch für dessen Realität und treffen ihre Entscheidungen.

Etwas Kenntnis des Schriftzeichen-Systems ist der erste Schritt zur Erkenntnis Chinas. Wer den Schein der schönen Zeichen durchschaut, wer ihr System erkennt, der sieht auch, wie China tickt und gewinnt rasch Sicherheit im Umgang mit diesem Land und einen guten Zugang zur restlichen chinesischen Realität. Das kann nur von Vorteil sein, was immer man dort tut.

Der Schriftzeichen-Vorhang sperrt uns aus. Wir können die Zeichen nicht entziffern oder ihr System erkennen. Wir sind unfähig, diese ‘mysteriösen Hieroglyphen’, wie John Mcgowan sie 1907 nannte, in einem Wörterbuch nachzuschlagen, müssen vielmehr dauernd Chinesen um Hilfe bitten, was abhängig macht und uns irgendwann zu einer Gegenleistung verpflichtet, die wir sonst nicht geben würden.

Die Schriftzeichen stellen uns in eine bizarre, fremde Welt – überall, wo sie auftauchen, ob in Peking, Shanghai, Hongkong, Chinatown oder im China-Restaurant in Frankfurt. Wir haben nicht einmal eine Ahnung, was sie bedeuten könnten und das verunsichert. Aber es zieht uns auch an wie alles Mystische, Geheimnisvolle …

Die Zeichen verunsichern uns gleichzeitig, weil wir sie nicht durchschauen. Daraus resultieren Staunen über und dann Bewunderung für jene, die mit diesem System tatsächlich oder vermeintlich umgehen können. Die hierarchischen Verhältnisse beginnen sich umzukehren. Der ausländische Chief Executive China mit 500.000 Mark Jahreseinkommen ist im Shanghaier Geschäftsleben plötzlich abhängig von seiner 25jährigen Sekretärin mit nicht mal einem Zwanzigstel davon, bloß weil sie die Schriftzeichen schreiben und lesen kann. Die Sekretärin legt deshalb nicht selten das Allerheiligste der Firma fest, ihren chinesischen Namen oder den ihrer Produkte. Und der Fahrer des CEO ist unversehens auch Vertrauensperson für Geschäftstips, Hintergrundinformationen und Verhandlungsstrategien. Das gibt es in China und nur in China! Dort geht das, weil dem Chef selbst die 阿姨 – a yi Haushaltshilfe Respekt einflößt, wenn sie ihren Einkaufszettel einfach so mit Schriftzeichen zusammenstellt oder der Hotelportier dem Taxifahrer die anzusteuernde Adresse auf einen Zettel notiert. Plötzlich kommen wir uns in dieser fremden Zeichen-Welt nicht nur hilflos, sondern auch noch unterlegen vor.

Das wird ausgenutzt. Von cleveren und sogar weniger cleveren Chinesen, die die Unsicherheit des 26-Buchstaben-Gegenübers förmlich riechen. Aber genauso auch von ausländischen China-Kennern, die sich mit einem in der Bar nonchalant dahin geworfenen ‘wei, shi fu, lai liang ge piu jiu ba’ unseren Respekt ergaunern wollen: Old China hand, China-Experte! Spricht fließend Chinesisch! Aber: Würden Sie jemanden wegen ‘Garcon, deux bieres!’ für einen Frankreich-Experten halten? Vermutlich nicht.

Nur in China funktioniert das täglich. Nirgends sonst auf der Welt wird man für Besucher schneller zum Experten als in diesem Land. Mit Inbrunst lauschen die Delegationen aus Deutschland – Bundestagsabgeordnete, Minister, Konzern-Strategen – den Ausführungen ihnen völlig unbekannter Praktiker vor Ort. Wie Doktor Allwissend dozieren die über alle Erscheinungsformen, die China annehmen kann. Und das sind sehr, sehr viele: Sie erklären die Lage der Wirtschaft, das Bankensystem, die Malaisse der Staatsbetriebe, die Innenpolitik, die Außenpolitik, die partei-internen Machtspiele, Taiwan, Tibet, die Menschenrechte, Dissidenten, die Lage der anderen Völkerschaften (sog. ‘Nationale Minderheiten’), die Philosophie und Geschichte Chinas, die Antiquitäten und die Peking Oper. Andererseits können sie nicht einmal die trivialen Parolen lesen, die das lokale Propagandabüro gerade am Straßenrand aufhängen läßt.

Warum hören die gelegentlichen Besucher so aufmerksam zu? Und tragen das Gehörte dann als Erkenntnis, eigenes Wissen und eigene Ansicht nach Hause, wo auf dieser Grundlage womöglich sogar Entscheidungen getroffen werden? Weil sie viel Respekt vor dem undurchschaubaren China haben. Schuld daran sind die Schriftzeichen …

Zwar sind es nicht allein die Zeichen, die China für Europäer und europäisch geprägte Besucher bis heute unzugänglich halten. Aber sie sind es vor allem. Sie sind der Kern der Sache, das Korn, aus dem alles andere sproßt und sich dann im täglichen Leben unendlich verzweigt.”

Zum Thema

  1. Das größte Geheimnis Chinas: 汉字, Teil I
  2. Das größte Geheimnis Chinas: 汉字, Teil II