Streitschrift wider dem autistischen China-Expat: Folgen einer sprachlichen, sozialen und kulturellen Isolation
Dieser Artikel ist eine Streitschrift, weil es mir hier nicht um eine wissenschaftliche und werturteilsfreie Herangehensweise geht, in der die Argumente penibel in Fußnoten erfaßt sind. Ich beziehe einen klaren normativen Standpunkt und die Argumente werden eher deutlich vorgetragen. Die Qualität der vorgetragenen Argumente ist jedoch unabhängig von ihrer Präsentationsform.
Der Begriff Expatriate, die Kurzform ist Expat, leitet sich aus dem Lateinischen ex patria (aus dem Land) ab. Ein Expat ist demnach ein vom Stammhaus ins Ausland entsandter Mitarbeiter. In diesem Fall ein deutscher Manager, der mindestens ein Jahr in China für sein deutsches Unternehmen tätig ist.
Das Adjektiv autistisch habe ich in Anlehnung an das Krankheitsbild des Autismus, hier insbesondere das Asperger-Syndrom, verwendet (ohne diese Krankheit reduzieren zu wollen). Die zwei hier relevanten Merkmale sind:
- teilweise hochintelligent und
- gestörter Kontakt zur Umwelt, durch eingeschränkte soziale Interaktion und eingeschränkte Kommunikation.
Die Betonung von sozialer Kompetenz bzw. Soft Skills findet sich fast in jedem Buch zur Mitarbeiterführung. Die Fähigkeit zur direkten Kommunikation, und nicht Kommunikation via Dolmetscher, ist eine notwendige Bedingung zum Erwerb sozialer Kompetenz. Was in Deutschland als soziale Kompetenz verstanden wird, kann in China anders betrachtet werden. Von daher ist ein einfacher Transfer, daß ein Mitarbeiter in Deutschland mit einer hohen Sozialkompetenz, gleichzeitig in China sozialkompetent ist, nicht zutreffend. Die Befähigung zur Kommunikation mit der sozialen Gruppe vor Ort ist eine conditio sine qua non, was den Zugang zur chinesischen Kultur betrifft. Allerdings stellt sich ein Zugang zur Kultur nicht automatisch durch den Spracherwerb ein. Ohne den Spracherwerb bleibt das Kulturverständnis jedoch schlicht oberflächlich. Auf der einen Seite findet man die betriebswirtschaftliche Betonung der Wichtigkeit von Sozialkompentenz bei der Mitarbeiterführung und auf der anderen Seite werden Manager nach China entsandt, die zwangsläufig diese Kompetenz in einem hohem Maße gar nicht aufweisen können.
Minh Ngoc Vu, Absolventin des Ostasieninstituts der FH Ludwigshafen, schreibt in ihrer Diplomarbeit ‘Internationales Personalmanagement – Aspekt der Entsendungspolitik und Personalführung in China: deren kritischen Punkte, Ursachen und Lösungsansätze’, die sie für ein bekanntes deutsches Unternehmen in China verfasst hat:
In der Regel erhielten die Delegierten [wohl gemerkt für einen China-Aufenthalt] und ihre Familien von der Firma einen Englisch Crash Kurs von drei Wochen, was jedoch in der Praxis meistens zu knapp ist.
Ich fragte den Personalabteilungsleiter, wie das Angebot mit chinesischen Sprachkursen aussieht? Er antwortete, dass es wünschenswert wäre, wenn jemand Chinesisch lernen möchte, aber in den meisten Fällen werden keine Chinesisch Kurse angeboten. Viele Unternehmen halten das Sprachtraining als Bestandteil der Vorbereitung nach China als unwichtig…
Ebenfalls konnte festgestellt werden, dass viele Expats des Angebot eines Englisch oder Chinesisch Kurses nicht ernst genommen haben, da sie der Meinung waren, dass ihr Schulenglisch ausreichend und Chinesisch überflüssig wäre.
So ist es nicht verwunderlich, dass in der von Minh Ngoc Vu durchgeführten Umfrage über Probleme deutscher China-Expats im Alltagsleben die Faktoren Sprache/Kommunikation und Kulturbarrieren von mehr als 2/3 als schwerwiegend bezeichnet wurden. Folglich werden Manager – deren Aufgabe es ist, andere Menschen zu führen -, vor Ort eingesetzt, die bedingt durch Sprachbarrieren und Kulturbarrieren in ihrer Arbeit behindert sind. Rückzug und Ablehnung sind Methoden, um mit einer immer fremdbleibenden Umwelt umzugehen. Der chinesische Begriff 老外 laowai, der häufig zur Bezeichnung von Ausländern verwendet wird, bedeutet auch ‘immer außerhalb’. Die Konsequenz ist ein zur Integration unwilliger und unfähiger Expat. Er kann nicht am Alltagsleben der Menschen teilnehmen. Er wohnt in Compounds, ein Euphemismus für Ausländer-Ghetto, der an die ausländischen Konzessionen, z. B. die berühmte französische Konzession in Shanghai, des 19. Jahrhunderts erinnert. Dort wohnt man unter sich, hat eine große Mauer um den Compound gezogen mit 保安 Baoan, die dazu dienen, das gemeine China von sich abzuschirmen. Die Kinder werden selbstverständlich auf eine deutsche oder internationale Schule geschickt. Herr Stoiber würde bei solchem Verhalten von Ausländern in Deutschland wohl hochrot etwas herumstammeln von ‘fehlender Integration’, ‘Leitkultur’ usw. Wenn von Ausländern in Deutschland verlangt wird, sich der hiesigen Leitkultur anzupassen, gilt dann auch der Umkehrschluß, daß sich deutsche Expats in China der dortigen Leitkultur anzupassen haben. Oder sollte die deutsche Leitkultur in die Welt getragen werden bzw. das Gerede über Leitkultur besser ad acta gelegt werden.
Für einen deutschen Manager in China, der der langfristigen Gewinnmaximierung verpflichtet ist, ist es nicht ausreichend, fachlich qualifiziert zu sein und mit Eßstäbchen umgehen zu können. Dem autistischen China-Expat sollte nicht die Zukunft gehören!
